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25.11.1981

12.32-4-12


Umgang mit radioaktiven Stoffen


A 2.4


An die Bergämter des Landes NW

Betr.: Besondere Ereignisse beim Umgang mit radioaktiven Stoffen

Bezug: Rundverfügung vom 28.10.1975 - 12.32 II 18 - (SBl. A 2.4)


Im den vergangenen Jahren haben sich einige Vorfälle beim Umgang mit radioaktiven Stoffen ereignet,
aus denen Folgerungen für die Verwendung dieser Stoffe zu ziehen sind.

1. Undichtigkeit eines Strahlers

Bei Reparaturarbeiten an einem Kokskuchenführungswagen mußte zeitweilig der dort zur Überwachung
der Verriegelungseinrichtung eingesetzte Cs-137-Strahler ausgebaut und in einem Transportbehälter
zwischengelagert werden. Es handelte sich um einen sogenannten Industrie-Strahler aus Sinterkeramik
mit geschweißter doppelter Edelstahlumhüllung, der bereits seit etwa 20 Jahren im Einsatz war. Beim
Aus- und Einbau war nicht bemerkt worden, daß der Strahler bereits zu dieser Zeit undicht war und
das Strahlenschutzgehäuse am Einsatzort sowie den Transportbehälter bei der Zwischenlagerung
radioaktiv verunreinigt hatte. Der Schaden wurde vom Staatlichen Materialprüfungsamt bemerkt, als
an anderen Strahlern nach der Beförderung in demselben Transportbehälter Kontaminationen festgestellt
wurden. Da die Verunreinigungen nicht beseitigt werden konnten, mußten außer dem schadhaften
Strahler das Strahlenschutzgehäuse und der betreffende Transportbehälter sowie ein kontaminierter
Strahler der Sammelstelle für radioaktive Abfälle der Kernforschungsanlage Jülich übergeben werden.
Personen wurden nicht kontaminiert.

Bereits vor mehreren Jahren war ein Cs-137-Strahler unter ähnlichen Einsatzbedingungen an einem
Kokskuchenführungswagen undicht geworden, wie in der Bezugsverfügung beschrieben wurde.
Es ist daher davon auszugehen, daß bei starken mechanischen Belastungen und nach längeren
Betriebszeiten bei den üblichen Umhüllungen von Industrie-Strahlern Undichtigkeiten auftreten
können, die zur Verschleppung von austretender Radioaktivität führen.

Auf Grund des Vorfalles werden folgende Maßnahmen für erforderlich gehalten:

1.1. Cs-137-Strahler dürfen künftig an Kokskuchenführungswagen nicht mehr eingesetzt werden,
soweit sie sich durch Co-60-Strahler bei Weiterverwendung der vorhandenen Strahlenmeßeinrichtung
ersetzen lassen. Die Frage, ob die betreffenden Cs-137-Strahler in den Meßeinrichtungen durch
Co-60-Strahler ersetzbar sind, ist im Einzelfall vom Verwender unter Hinzuziehung der Lieferfirma
zu prüfen.

1.2. Sofern Cs-137-Strahler an Kokskuchenführungswagen weiterhin benutzt werden müssen,
dürfen die Strahler nicht älter als 10 Jahre sein. Sie sind nach 10jähriger Betriebsdauer gegen neue
Strahler auszutauschen und entsprechend der Bezugsverfügung einer jährlichen Prüfung durch
das Staatliche Materialprüfungsamt sowie einer halbjährlichen Kontrolle durch den Betreiber zu
unterziehen.

1.3. Im Falle einer Entnahme von radioaktiven Strahlern aus den Strahlenschutzgehäusen an
Kokskuchenführungswagen ist der Strahler zunächst auf seine Dichtheit zu prüfen. Dies hat so
zu geschehen, daß zunächst ein Wischtest vorgenommen und der Strahler wieder in das
Strahlenschutzgehäuse gebracht wird. Erst nach Auswertung des Wischtestes kann der Strahler
endgültig aus dem Schutzgehäuse entnommen werden.

2. Abbrechen eines Strahlenschutzbehälters

Auf einer Schachtanlage ist in einem Blindschacht ein zur Füllstandsüberwachung an der
Wendelsäule angebrachtes Strahlenschutzgehäuse vom Typ STR4 der Firma Funke und Huster
abgebrochen und auf eine Bühne im Blindschacht gefallen. Auf Grund der Störmeldung konnte
der Strahlenschutzbehälter unverzüglich geborgen werden. Als Ursache des Vorfalls werden
Schäden an den Schweißnähten zwischen dem Flansch zur Befestigung des Behälters und dem
eigentlichen Strahlenschutzbehälter infolge von Vibrationen angenommen, die zum Abbrechen
des Gehäuses führten. Äußerliche Gewalteinwirkungen waren nicht zu erkennen.

2.1. Da zu befürchten ist, daß Strahlenschutzbehälter der Bauart STR4 bei starken
mechanischen Beanspruchungen, insbesondere bei Vibrationen, den Anforderungen nicht
gewachsen sind, werden neue Genehmigungen für die Verwendung dieser Behälterbauart nicht
mehr erteilt.

2.2. Sofern noch Strahlenschutzbehälter der Bauart STR4 an Verwendungsorten eingesetzt
sind, an denen starke Vibrationen oder Schläge auftreten, müssen die Behälter gegen Schutzbehälter
anderer Bauart, z.B. der Bauart STR8, ausgetauscht werden. Falls die neu einzubauenden
Strahlenschutzbehälter nicht bereits in der betreffenden Genehmigung zur wahlweisen Verwendung
vorgesehen sind, ist wegen der unterschiedlichen Abschirmung der einzelnen Behälterbauarten
eine Nachtragsgenehmigung erforderlich. Strahlenschutzbehälter der Bauart STR4, die nicht
besonderen mechanischen Belastungen ausgesetzt sind, können im Einsatz bleiben.

3. Unbefugter Ausbau eines Strahlenschutzbehälters

Im Untertagebetrieb einer Schachtanlage war eine Strahlenmeßeinrichtung mit einem
Co-60-Strahler für den Überschüttungsschutz an einer Gurtbandübergabe im Bereich eines
Streckenabzweigs eingebaut. Zwei ausländische Arbeitnehmer waren an dieser Stelle mit
Reparaturarbeiten am Ausbau oberhalb der Bandübergabe beschäftigt. Als sie das
Strahlenschutzgehäuse beim Einbringen eines Ausbausegments behinderte, schraubten sie
das Gehäuse mit dem eingebauten Strahler ab, um es beiseite zu legen. Es entglitt ihnen jedoch
und fiel auf das laufende Fördermittel, auf dem es mit dem Kohlenstrom zum Förderschacht
transportiert wurde. Die beiden ausländischen Arbeitnehmer haben das Förderband nicht
angehalten und auch keine Aufsichtsperson benachrichtigt, da ihnen nach ihren Aussagen
weder der Zweck des "schweren Eisenapparats" noch die Wirkungsweise radioaktiver Stoffe
sowie die Bedeutung der entsprechenden Schilder und Warnzeichen bekannt waren.

Nachdem bei der Fehlersuche auf Grund der Störmeldung in der Grubenwarte das Fehlen
des Strahlenschutzbehälters an der Übergabe entdeckt worden war, ist sofort eine Suchaktion
eingeleitet worden, bei der das Strahlenschutzgehäuse übertage in einem Schrottbehälter
wiedergefunden wurde. Es war am Leseband mit anderen Materialien aus dem Fördergut
herausgenommen und einschließlich des darin befindlichen Strahlers in den Schrottbehälter
geworfen worden.

An dem Ereignis läßt sich erkennen, daß die Belegschaft der Schachtanlage nicht ausreichend
über die Verwendung von radioaktiven Stoffen und die davon ausgehenden Gefahren unterrichtet
war.

Um Verluste von Strahlern und unnötige Strahlenexpositionen nach § 28 Abs. 1 der
Strahlenschutzverordnung zu vermeiden, ist es im Rahmen der Ausbildung und der regelmäßigen
Unterweisungen nach den entsprechenden Bestimmungen der Bergverordnungen erforderlich,
mindestens die folgenden Grundsätze zu beachten:

3.1. In Betriebsbereichen, in denen radioaktive Stoffe verwendet werden, müssen alle dort
beschäftigten Personen einschließlich der Angehörigen fremder Firmen über mögliche von den
Meßeinrichtungen ausgehende Gefahren sowie das sicherheitlich richtige Verhalten unterrichtet
sein. Die dort beschäftigten Personen müssen z.B. wissen, wie die Warnzeichen nach
§ 4 BVOSiAr und die in dem betreffenden Betrieb benutzten Meßeinrichtungen aussehen.

Personen, in deren Arbeitsbereich sich radioaktive Stoffe befinden (z.B. Bandwärter, Schachthauer),
sind grundsätzlich auch arbeitsplatzbezogen zu unterweisen.

Bei fremdsprachigen Arbeitnehmern ist nach der Unterweisung zu prüfen, ob die Unterweisungen
verstanden wurden.

Über die Unterweisungen sind Aufzeichnungen zu führen.

3.2. Unmittelbar neben jeder Verwendungsstelle ist außer Warnzeichen auch eine Warntafel mit
kurzen Hinweisen über das sichere Verhalten erforderlich. Sofern fremdsprachige Arbeiter in
dem betreffenden Betriebsbereich beschäftigt werden, müssen diese Hinweise außer in
deutscher Sprache auch in der Sprache der Gastarbeiter abgefaßt sein.

Auf die Bestimmung des §§ 40 StrISchV, wonach eine Ausfertigung der Verordnung im Betrieb
auszuhängen oder auszulegen ist, wird hingewiesen.

4. Verlust eines Strahlers

In einem weiteren Fall ist die Kontrolle über einen zu Füllstandsmessungen in einem Bunker
eingebauten radioaktiven Stoff verlorengegangen, weil die betreffende Sonde nach Aufgabe
des Bunkers nicht sofort aus der Meßeinrichtung ausgebaut und sichergestellt
worden ist. Wegen eines größeren Bruches konnte der Strahler später nicht mehr geborgen
werden.

Dieser Fall gibt Veranlassung, auf folgendes hinzuweisen:

4.1. Radioaktive Stoffe müssen in den Betrieben so eingesetzt werden, daß sie jederzeit
dem Fachpersonal zugänglich sind sowie gewartet und wieder ausgebaut werden können.

4.2. Sobald radioaktive Stoffe im Betrieb nicht mehr benötigt werden, sind sie unverzüglich
entsprechend den Bestimmungen der Genehmigung zurückzugeben oder in einem
Zwischenlager bis zur Wiederverwendung aufzubewahren.

Sie werden gebeten, die Durchführung der erforderlichen Maßnahmen zu veranlassen.


Dortmund, den 25.11.1981

Landesoberbergamt NW

C o e n d e r s